Cruise: Operierender Thetan Stufe VII
Quelle: Berliner Zeitung, Seite 3, vom 16.7.07
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/seite_3/670161.html
Operierender Thetan, Stufe VII
Die Scientology-Karriere des Hollywood-Schauspielers Tom Cruise.
Eine vorläufige Bilanz
Frank Nordhausen
BERLIN. Die Wolfsschanze wird bei Königs Wusterhausen errichtet, das 80-Millionen-Dollar-Filmprojekt “Walküre” beginnt. Es kann sich nur noch um Tage handeln, bis Tom Cruise im Gewande Graf von Stauffenbergs, die Film-Bombe in der Tasche, im brandenburgischen Forst zum Attentat schreitet. Die wahre Bombe aber hat der amerikanische Schauspieler längst gezündet. Scientology, Cruises geheimnisvoller Gehirnwäschekult, hat im Streit über den geplanten Stauffenberg-Film einen Propagandaerfolg errungen, wie die Sekte ihn sich kaum besser wünschen könnte.
Als Verteidigungsminister Franz Josef Jung der Filmfirma des Weltstars vor drei Wochen die Drehgenehmigung für die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock versagte, da löste er unter Deutschlands Feuilletonisten eine heftige Debatte über Religions- und Kunstfreiheit aus. Andrian Kreye schrieb in der Süddeutschen Zeitung von einem Eigentor der Scientology-Gegner, denn “angesichts der undemokratischen Übergriffe der CDU” bleibe einem als Demokrat “gar nichts anderes übrig, als sich schützend vor die Religionsfreiheit” und letztlich “vor eine zutiefst undemokratische Organisation zu stellen”. Der Regisseur Volker Schlöndorff nannte die Diskussion um Tom Cruise eine “Posse peinlichster Art”, weil die “religiöse Orientierung” des Schauspielers mit seiner beruflichen Tätigkeit vermischt werde, obwohl Scientology nichts mit seiner Arbeit zu tun habe.
Doch von welcher religiösen Orientierung ist hier eigentlich die Rede?
Intern bezeichnet sich die Scientology-Organisation, die ihr ehemaliger Österreich-Chef Wilfried Handl ein “faschistoides System” nennt, ausdrücklich nicht als Religion, sondern als “wissenschaftliche Weltanschauung”. Der Science-Fiction-Autor und Scientology-Gründer L. Ron Hubbard nannte als wichtigsten Grund, dennoch nach außen hin als Religion verkleidet aufzutreten: “Das tun wir, um Steuern zu sparen.” 1993 wurde Scientology als Non-Profit-Organisation anerkannt und ist seitdem in der Tat von der Steuer befreit, was auch in den USA sehr umstritten ist.
Es gibt noch ein anderes, ein unabweisbares Argument, die Scientology-Mitgliedschaft von Tom Cruise mit seiner beruflichen Tätigkeit zu vermengen – nämlich, dass der kleine Mann mit dem markanten Kinn dies selbst ständig tut. Wie kaum ein anderer hat er Rolle und Person, Schauspielerexistenz und Privatbekenntnis nie wirklich getrennt. Er ist dafür berüchtigt, einen beispiellosen Werbefeldzug für Scientology zu führen.
Was aber verbindet Tom Cruise, den höchstbezahlten Schauspieler der Filmgeschichte, eigentlich mit der totalitären Psychosekte?
Scientology-intern trägt der 45-Jährige den Titel eines “Operierenden Thetans” der Stufe VII, ist demnach angeblich Herrscher über Raum, Zeit, Materie und Energie. Er ist also Superman, und als solcher auch nicht irgendein Scientology-Star, sondern er ist “der” Scientology-Star, und recht eigentlich “ist” er Scientology.
Es war Tom Cruise, der 2004 die neue Spanien-Zentrale von Scientology in Madrid gemeinsam mit dem Sektenboss David Miscavige feierlich einweihte. Er war es auch, der in Interviews Scientology als “einzige Philosophie” bezeichnete, “um die Erde in Ordnung zu bringen”. Unter großer öffentlicher Anteilnahme drängte Cruise seine Ehefrauen Nicole Kidman und Katie Holmes zum Eintritt in den Kult, ebenso wie er kürzlich versuchte, den Fußballstar David Beckham zu rekrutieren. Am Set seines Films “Krieg der Welten” ließ er zur spirituellen Bearbeitung seiner Kollegen ein Scientology-Zelt aufstellen und gab vielen Journalisten erst dann ein Interview, wenn sie zuvor eine Scientology-Niederlassung besichtigt hatten. Einige seiner Filme wie “Elisabethtown” und “Jerry Maguire” könne man prima scientologisch “lesen”, sagen Ex-Mitglieder.
Tom Cruise ist aber auch eine Art politischer Gesandter der Sekte. Er wurde bei verschiedenen US-Botschaftern in Europa vorstellig, um sie zum Protest gegen die angebliche Diskriminierung seiner “Kirche” zu animieren. Politiker wie Klaus Wowereit und Nicolas Sarkozy haben ihn empfangen. Im Jahr 1996 gelang es dem Mimen, Hollywoodkollegen wie Oliver Stone und Dustin Hofmann zu einem offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl zu bewegen, mit dem sie “religiöse Toleranz” in Deutschland einforderten; sogar das US-Außenministerium intervenierte damals in Berlin zu Gunsten der Sekte.
Hollywood nahm die politischen Aktivitäten seines Superstars jahrelang als Überspanntheit hin wie seine liebestrunkenen Hüpfer auf dem Sofa der Talkmasterin Oprah Winfrey – bis Tom Cruise einen unverzeihlichen Fehler beging. Mit seiner Kollegin Brooke Shields lieferte er sich 2005 ein bitteres Wortgefecht über die Behandlung von Wochenbettdepressionen. Cruise warf der jungen Mutter Shields in einer TV-Show vor, sie hätte keine Medikamente gegen ihre Depression nehmen sollen, sondern besser Vitamine geschluckt und Sport getrieben.
Das war Scientology pur, denn die Sekte verteufelt Psychopharmaka und kämpft gegen eine “Weltverschwörung der Psychiater”. Tom Cruise, der Leinwandliebling der Frauen, sah plötzlich aus wie rechthaberischer Macho. Seine Sympathiewerte fielen um mehr als die Hälfte, was für den Superstar auch berufliche Folgen hatte.
Sumner Redstone, der 83-jährige Patriarch der Paramount-Studios, feuerte ihn im August 2006 wie einen x-beliebigen Angestellten. Redstone sagte in einem Interview mit dem Wall Street Journal, Cruise habe sich disqualifiziert, weil er seine Arbeit ständig mit dem Eintreten für “die fragwürdige Scientology-Sekte” verknüpft habe.
In diesem Moment wirkte Cruise wie ein Verlierer, und Scientology auch. “Cruise war mal der beste Werbeträger für Scientology, jetzt wird er zu ihrem größten Public-Relation-Albtraum”, sagt der in New York lebende Autor Mark Ebner, der einen Bestseller über Hollywood und zahlreiche Artikel über Tom Cruise verfasst hat.
Es war Ende der achtziger Jahre, der junge Thomas Cruise Mapother IV. hatte gerade unter dem Künstlernamen Tom Cruise mit den Filmen “Top Gun” und “Rain Man” seine Weltkarriere gestartet, als erste Berichte über seine Kontakte zu Scientology erschienen. 1993 schrieb das US-Magazin “Premiere”, Cruise achte darauf, dass auf seinen Sets stets Scientology-Firmen beschäftigt würden. Es wurde verbreitet, dass ihn seine erste Frau, die Schauspielerin Mimi Rogers, in die Organisation eingeführt habe. L. Ron Hubbard hatte seine Anhänger mit dem “Project Celebrity” 1955 angewiesen, Stars wie Pablo Picasso und Greta Garbo zu rekrutieren, um die Sekte attraktiv zu machen. In diesem Fall ohne Erfolg. Tom Cruise indes wurde ihr größter Trumpf.
Der Sohn eines Elektroingenieurs aus dem Bundesstaat New York zog nach der Scheidung seiner Eltern mit seiner Mutter und seinen drei Schwestern nach Kentucky. In der Schule hinkte er wegen einer Leseschwäche hinterher und musste frühzeitig selbst Geld verdienen. Auf Fragen nach seiner Scientology-Mitgliedschaft erklärt Cruise, damit habe er seine Legasthenie überwunden: “Scientology hat mir ermöglicht, mein Leben so zu leben, wie ich es lebe.” Offenbar fand der Schauspieler, der sich selbst als “Kontrollfreak” bezeichnet, in der Sekte auch eine Rettung aus dem Chaos des Alltags.
Es dauerte nicht lange, bis Cruise zum Weggefährten des Scientology-Chefs David Miscavige avancierte, den er in Interviews “meinen guten Freund” nennt. Miscavige begleitete ihn zu Oscar-Verleihungsfeiern und war zweimal sein Trauzeuge – bei der Hochzeit mit Nicole Kidman und mit Katie Holmes.
Wer ist David Miscavige?
Der Sektenboss, der stets eine Marineuniform trägt und wie ein großer Diktator über sein Fußvolk herrscht, ist als Kind hundertprozentiger Scientologen aufgewachsen. Als der “Gründer” Hubbard 1986 starb, kämpfte er sich an die Spitze des Psychokonzerns. Etwa gleichaltrig wie Tom Cruise, ist er mit 1,60 Metern Körpergröße sogar noch kleiner als der Schauspieler. Der jungenhaft wirkende Mann war es, der Hubbards Wüstenresidenz “Gilman Hot Springs” nahe Los Angeles Anfang der neunziger Jahre zum Luxus-Resort mit angeschlossenem Straflager für unbotmäßige Scientologen ausbauen ließ. Ehemalige Mitglieder der Sekte sagen, er habe dort einen Schießstand errichten lassen, in dem er auf lebensgroße Fotos seiner Feinde feuert.
Tom Cruise wurde bald ein häufiger Gast auf der geheimen Wüstenbasis, die mit automatischen Waffen und Sprengstoff wie ein Militärlager gesichert ist. Das enthüllte 1994 der langjährige Scientology-Sicherheitschef André Tabayoyon unter Eid in einem Gerichtsverfahren. Tabayoyon sagte auch, dass extra für Tom Cruise auf dem Gelände eine Luxusvilla, ein Schwimmbad, eine Turnhalle, ein Tennisplatz und ein eigenes Kino errichtet worden seien. Zur Verfügung stünde ihm zudem ein Offizierssalon in einem Schiff, das Scientology einst für den Marinefan Hubbard in der Wüste bauen ließ und das außer dem Schauspieler nur David Miscavige betreten dürfe. Die Anlage sei von Scientology-Gefangenen unter Bedingungen wie in einem “Gulag” gebaut worden. “Es war Zwangsarbeit zu Gunsten von Tom Cruise”, sagte André Tabayoyon.
Tom Cruise hat seine Aufenthalte in Gilman Hot Springs bestätigt, er sei jedoch nie “zur Erholung” dort gewesen. Mittlerweile wirken er und David Miscavige auch äußerlich wie Doppelgänger, und der Eindruck entsteht, dass sie das milliardenschwere Sektenimperium gemeinsam steuern. Während Miscavige so gut wie nie mit den Medien spricht, ist Cruise für die Kommunikation nach außen zuständig. Die beiden kleinen Männer vertreten eine Organisation, die erklärtermaßen Großes anstrebt, nämlich allen Ernstes die Weltherrschaft, und die bei ihrer Machtergreifung zwanzig Prozent der Bevölkerung in Umerziehungslager sperren will. Ein gewisser Teil der Bevölkerung sei “ruhig und ohne eine Träne zu vergießen loszuwerden”, da sie doch nie Scientologen werden würden, schrieb L. Ron Hubbard 1983.
Bei den großen Scientology-Meetings, die auf Videos wie eine Mischung aus Star Wars, Oscar-Verleihung und Reichsparteitag wirken, hat sich Tom Cruise immer weiter in den Vordergrund gespielt, ohne dabei die Autorität von Miscavige anzutasten. “Er bekommt bei Scientology die Anerkennung, die er für sein Ego braucht, außerdem das Gefühl, reale Macht auszuüben”, sagt der ehemalige Österreich-Chef der Sekte, Wilfried Handl. “Umgekehrt denken viele Scientologen, wenn Leute wie Tom Cruise dabei sind, muss die Sache ja gut sein.”
Aber was ist “die Sache” für Tom Cruise?
Seit er sich zu Scientology bekennt, gibt es Gerüchte – die sämtliche Beteiligten stets strikt dementiert haben -, wonach Cruise eigentlich durch den anderen Scientology-Weltstar John Travolta zur Sekte gebracht wurde. Da Homosexualität von L. Ron Hubbard zur Krankheit erklärt wurde, seien beide umfangreichen “Heilprogrammen” unterworfen und zum Heiraten gedrängt worden. Das Wissen darüber sei das bestgehütete Scientology-Geheimnis, heißt es, und – in der homophoben Atmosphäre Hollywoods – ein wirksames Erpressungsmittel.
Während John Travolta die Gerüchte ignorierte, ist Tom Cruise oft gerichtlich dagegen vorgegangen. Doch 1998 verklagte der Ex-Scientologe Michael Pattinson, ein “Thetan” der Stufe VIII, die Sekte auf Rückzahlung von 500 000 Dollar Kursgebühren, weil sie ihm Heilung von seiner Homosexualität versprochen, dies aber nicht gehalten habe. Man habe ihn mit dem Argument gelockt, auch Tom Cruise und John Travolta seien “erfolgreich behandelt” worden. Scientology dementierte alles; der Prozess kam nie zustande.
Die Boulevardpresse aber ließ nicht locker. Vor sechs Jahren druckte das US-Revolverblatt National Enquirer freizügige Pin-Up-Aufnahmen von Tom Cruise als jungem Mann in einem New Yorker Schwulenmagazin. Und seit er im vorigen Jahr gerichtlich gegen eine Folge der satirischen US-Fernsehserie “South Park” vorging, die ihn als Schwulen persiflierte, ist er im Internet zum Spottobjekt geworden. Zuletzt wurde diskutiert, warum Cruises “alter Ego” David Miscavige ihn und Katie Holmes auf der Hochzeitsreise Ende 2006 begleitete. Tom Cruise setzt sich gegen jedes Gerücht zur Wehr und sei es noch so verquer – und verstrickt sich dabei immer mehr in Widersprüche.
Zum Trost bekam der Star vor großem Scientology-Publikum im Sommer 2004 die “Freiheitsmedaille für Tapferkeit” von David Miscavige umgehängt, “weil er ein Mensch ist, der in allen Bereichen unermüdlich gearbeitet hat, in denen L. Ron Hubbards Technologie angewendet wird.” Der Sektenboss sagte, Tom Cruise sei der “engagierteste Scientologe, den ich kenne”.
Den Rauswurf bei Paramount hat Tom Cruise schon zwei Monate später gekontert, indem er Anteile und die Führung des Hollywoodstudios United Artists übernahm. Dieses Unternehmen kaufte sich im März 2007 in die Produktion von “Valkyrie” ein, dem Stauffenberg-Film, Cruise bekam die Hauptrolle – worüber sich seine Sekte freuen dürfte. Scientology betrachtet Deutschland traditionell als größten Feind; in der Sektensicht haben hierzulande noch immer die Nazis das Sagen, und Scientologen würden verfolgt wie die Juden im Dritten Reich. Beweis: Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz. “Für L. Ron Hubbard war Deutschland immer das Schlüsselland in Europa”, sagt der Ex-Scientologe Wilfried Handl aus Wien. “Es hieß immer, wenn Deutschland fällt, dann fällt Europa. Man will die Kritik zum Verstummen bringen.”
Tom Cruise hat vor vier Jahren versucht, Szenen seines Actionfilms “Mission Impossible III” in der Kuppel des Berliner Reichstags zu drehen – für Scientology hoch symbolisch. Doch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zog die Reißleine und ließ dies wegen “der Würde des Ortes” nicht zu.
Die Rolle als Claus Schenk von Stauffenberg gibt Tom Cruise nun die Chance, mitten in Deutschland gegen die Nazis zu kämpfen. Der scientologische Superman spielt den deutschen “Übermenschen”, Scientology gegen Hitler auf der ganz großen Bühne. Wer Scientology kennt, weiß, dass man dort wirklich so simpel denkt.
Berliner Zeitung, 16.07.2007